Das zärtliche Inferno

Das Leben kam nicht wie ein Versprechen.

Es kam wie ein umgestürzter Schrank,
mit Rechnungen,
mit schlaflosen Nächten,
mit Kindern, die gleichzeitig lachen und weinen,
mit einer Liebe,
die manchmal ein Hafen war
und manchmal ein Sturm.

Ich suchte lange nach dem Sinn.

In Büchern.
In Gedanken.
In den Gesichtern derer,
die behaupteten, ihn gefunden zu haben.

Doch überall fand ich nur Menschen,
die ihr Chaos ordentlich gefaltet hatten,
damit es von außen wie Weisheit aussah.

Die Tage wurden schwer.

Pflichten stapelten sich
wie Teller nach einem Fest,
das niemand wirklich genießen konnte.

Und oft saß ich da,
müde bis in die Knochen,
und fragte mich,
ob das alles sei.

Ob der Mensch geboren wird,
um zu tragen,
zu verlieren,
zu hoffen
und wieder von vorn zu beginnen.

Dann geschah nichts Besonderes.

Kein Wunder.
Kein Zeichen.
Kein Engel am Fenster.

Nur ein gewöhnlicher Abend.

Die Familie am Tisch.
Das Durcheinander der Stimmen.
Ein verschüttetes Glas.
Ein müdes Lächeln.
Eine Hand,
die wie selbstverständlich die meine suchte.

Und plötzlich verstand ich.

Der Sinn des Lebens
versteckt sich nicht auf den Gipfeln.

Er wohnt unten,
zwischen den ungewaschenen Tassen,
zwischen Sorgen,
zwischen Umarmungen,
zwischen den kleinen Katastrophen des Alltags.

Liebe ist keine Vollkommenheit.

Sie ist das tägliche Ja
zum Unvollkommenen.

Glück ist kein Feuerwerk.

Es ist das ruhige Licht,
das bleibt,
wenn das Feuerwerk längst verglüht ist.

Zufriedenheit ist kein Sieg.

Sie ist die Demut,
nicht mehr ständig woanders sein zu wollen.

Und Vollkommenheit?

Vielleicht besteht sie gerade darin,
zu erkennen,
dass nichts vollkommen sein muss.

Dass das Chaos bleiben darf.

Dass die Angst bleiben darf.

Dass die Überforderung
ein Preis für die Hingabe ist.

Denn wer nichts liebt,
trägt auch nichts.

Und wer nichts trägt,
verpasst vielleicht die Last,
die seinem Leben Gewicht verleiht.

Heute weiß ich:

Der Sinn war nie verloren.

Ich suchte ihn am Horizont,
während er die ganze Zeit
mit schmutzigen Händen,
offenem Herzen
und einem Platz am Familientisch
auf mich gewartet hat.


Das zärtliche Inferno, Berlin, 25.06.2026


Text © by Ranndy Frahm
Grafiken und Fotos © by Ranndy Frahm
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