Die Liebe kam nicht wie ein Engel.
Sie trat durch die Hintertür,
roch nach Regen und verlorenen Jahren,
setzte sich schweigend an meinen Tisch
und trank aus dem Glas,
das ich für die Hoffnung aufgehoben hatte.
Ich fragte sie:
Bist du die Erfüllung?
Sie lachte.
Und ihr Lachen war das Geräusch
eines Schlüssels,
der in kein Schloss mehr passt.
Da begriff ich,
dass die Sehnsucht älter ist
als jedes Ziel,
und dass das Herz nicht leidet,
weil ihm etwas fehlt,
sondern weil es geboren wurde.
Wir sind Wanderer
durch Hallen aus Staub und Erinnerung,
wir nennen die Leere „Morgen“,
damit wir keine Angst vor ihr haben.
Manche füllen sie mit Geld.
Manche mit Gott.
Manche mit Körpern,
die sie nachts umarmen
und morgens wieder vergessen.
Doch die Leere bleibt.
Sie sitzt geduldig
wie ein König auf seinem Thron
und wartet,
bis die Musik verstummt.
Verzweiflung ist kein Sturm.
Sie ist ein Stuhl
in einem stillen Zimmer,
auf dem du jeden Abend sitzt,
ohne zu wissen, warum.
Sie fragt nicht.
Sie erklärt nichts.
Sie schaut dich nur an.
Und irgendwann
erkennst du dein eigenes Gesicht in ihr.
Dann wird Demut geboren.
Nicht die Demut der Prediger,
die auf Knien um Erlösung bitten.
Sondern jene stille Demut,
die weiß:
Die Sonne geht auf,
obwohl du gebrochen bist.
Der Wind bewegt die Bäume,
ohne nach deiner Meinung zu fragen.
Und die Sterne tragen ihre kalten Feuer
durch die Nacht,
als hätte dein Schmerz niemals existiert.
Das ist keine Grausamkeit.
Das ist Freiheit.
Denn wenn die Welt dir nichts schuldet,
dann schuldet auch dein Scheitern niemandem Rechenschaft.
So stehst du wieder auf.
Nicht weil du Hoffnung hast.
Nicht weil du glaubst.
Nicht weil du gewinnen wirst.
Sondern weil der nächste Schritt
noch möglich ist.
Und manchmal
ist Möglichkeit größer als Sinn.
Doch es gibt Tage,
an denen selbst das zu viel verlangt ist.
Tage,
an denen der Wille müde wird.
An denen die Seele
wie ein alter Hund
unter dem Tisch liegt
und nicht mehr kommen möchte,
wenn man sie ruft.
Dann erscheint die Aufgabe
wie eine warme Decke.
Wie ein letzter Hafen.
Wie ein Versprechen,
endlich nichts mehr tragen zu müssen.
Und wer ehrlich ist,
kennt ihren Namen.
Jeder Mensch
hat irgendwann mit ihr gesprochen.
Doch während sie flüstert:
„Es reicht“,
steht irgendwo in der Tiefe
ein kleiner, lächerlicher Funke auf
und sagt:
„Noch nicht.“
Nicht aus Mut.
Nicht aus Größe.
Nicht aus irgendeinem göttlichen Plan.
Sondern aus Trotz.
Aus jener seltsamen Kraft,
die Blumen durch Asphalt treibt,
die Wölfe durch den Winter jagt
und Menschen dazu bringt,
nach tausend Niederlagen
noch einmal die Tür zu öffnen.
Vielleicht ist das die Liebe.
Nicht das Feuer am Anfang.
Nicht die Erfüllung.
Nicht das glückliche Ende.
Sondern das unerklärliche Vermögen,
dem Leben die Hand zu reichen,
obwohl es sie so oft losgelassen hat.
Und wenn am Ende
alle Antworten verstummen,
wenn die großen Wahrheiten
zu Staub werden
und die letzten Lichter erlöschen,
dann bleibt vielleicht nur dies:
Ich war hier.
Ich habe geliebt.
Ich habe verloren.
Ich habe gezweifelt.
Ich wollte aufgeben.
Und dennoch
ging ich weiter.
Text © by Ranndy Frahm
Grafiken und Fotos © by Ranndy Frahm
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